Im Auftrag von



Juli/August 2000

·  Drahtloses Internet: ein Milliardengrab
·  Ist Inhalt noch König?
·  Neue Silicon Valleys in USA
· 

Das Letzte!

Inhalt

  San Francisco Newsletter
·  Aktuelle Ausgabe
(September - Dezember 2000)
·  Juli/August 2000
·  Juni 2000
·  Mai 2000
·  April 2000
·  März 2000
·  Februar 2000
·  Januar 2000
·  Dezember 1999
·  November 1999
·  Oktober 1999 
·  September 1999 
·  August 1999 
·  Juli 1999 

·  San Francisco Newsletter- Mailingliste! Gratis!
·  Über den San Francisco Report

 

Erste Seite | Vorige Seite | Folgende Seite | Letzte Seite

Drahtloses Internet: ein Milliardengrab?

Nacht über Entenhausen: Einsam sitzt Ron Sommer, Deutsche-Telekom-Chef und reichster Erpel der Welt, in seinem Geldspeicher. Stunden lang vergnügt er sich damit, seine Eurochen zu zählen und sie zu wienern. Sie in die Luft zu werfen und sich auf die Glatze prasseln zu lassen! Mit erigiertem Pürzel in sie einzutauchen und darin herumzuwühlen!

So oder ähnlich müssen wohl die Träume der Telekom-Manager Europas aussehen, die gerade fast 90 Milliarden Euro bei der Versteigerung der sogenannten UMTS-Lizenzen ausgegeben haben. 50 Milliarden in Deutschland. 35 Milliarden in Großbritannien. 2,5 Milliarden in Holland. Und die Auktionen in Italien und in anderen Ländern Europas und Asiens stehen noch bevor.

Hinzu kommen die schätzungsweise 48 Milliarden für den Aufbau der UMTS-Infrastruktur und die Dienste-Vermarktung in Europa. Wofür haben die Telekommunikations-Manager da so viel Geld ausgegeben? Und können sie das Geld jemals wieder einnehmen oder gar Gewinn machen?

Eine UMTS-Lizenz spricht dem Sieger einer Versteigerung das Recht zu, einen bestimmten Frequenzbereich des Funkspektrums zu nutzen. Und UMTS, das Universal Mobile Telecommunications System, ist eine Mobiltelefon-Norm, welche den Hochgeschwindigkeits-Datenaustausch mit Handys ermöglicht (und anderen Geräten wie Handrechnern). Zwar lassen sich schon heute Daten mit Handys austauschen, doch ist die Datenübertragung so langsam, dass Nutzer damit kaum auf dem Web surfen könnten. Tragbare UMTS-Geräte wie Handys, Handrechner und Musikspieler, aber auch Web-Seher in Autos, werden es den Anwendern erlauben, das Internet überall und jederzeit, schnell und bequem zu nutzen. (Siehe Drahtloses Internet und der Tod des PCs, SF Newsletter, August 1999 sowie Das Auto als Web-Browser, SF Newsletter, Mai 2000.)

Zehnmal so groß wie das Internet, das wir heute kennen, soll das drahtlose Internet werden, nach der Zahl der Nutzer wie nach dem Umfang des Verkehrs. Je nach Marktforschungsunternehmen nutzen schon in diesem Jahr weltweit zwischen 2 und 5 Prozent aller Anwender das Internet mit Drahtlos-Geräten, das entspräche zwischen 2,4 und 6,0 Millionen Nutzern (Quelle: Ovum, ResearchPortal.com). Bis zum Jahr 2005 soll sich diese Zahl auf 484 Millionen (Ovum) oder gar 1 Milliarde vervielfachen (IDC).

Umsatz aus Werbung und M-Handel?

Massen von Konsumenten werden massenhaft das Internet nutzen – da müssten doch Massen von Geld zu machen sein! Doch ob die Telekoms ihre Einstiegsinvestitionen jemals wieder werden einfahren können, und womit, steht in Wirklichkeit in den Sternen. Die zwei wichtigsten Umsatzquellen sind Anzeigeneinnahmen und der mobile Handel, der sogenannte M-Handel.

Das Marktforschungsunternehmen Ovum sagt voraus, dass der Umsatz mit Drahtlos-Anzeigen in den USA im Jahr 2003 auf 1,2 Milliarden Dollar wachsen wird, auf 2,9 Milliarden im Jahr 2004 und bis auf 16 Milliarden im Jahr 2005. Klingt nach viel, ist aber wenig: 1999 wurden in den USA rund 3,3 Millarden Dollar mit herkömmlicher Web-Werbung umgesetzt (Forrester Research), und in 2003 soll dieser Umsatz auf 24 Milliarden steigen. Drahtlose Anzeigen würden 2003 also gerade einmal ein Zwanzigstel der Web-Werbung ausmachen.

Was die Werbung auf Internet-Handys betrifft: Keinem Werbetreibenden ist wohl bei dem Gedanken, Anzeigen nach dem Gießkannenprinzip auf die Handys von Konsumenten zu schicken. Nein, wenn schon Werbung, dann nur gezielt, also solche, die echte Bedürfnisse des Nutzers anspricht. Sie haben es erraten: Wir sprechen von einer Wiederbelebung der Einzelkunden-Vermarktung (one-to-one marketing) – aber mit dem Extra-Blobb. Bisher wussten Marketiere durch Kundenprofile nur, was bestimmte Konsumenten wollen. Doch die Handys der nicht allzu fernen Zukunft werden mit einem Global Positioning System (GPS) ausgestattet sein. Dann können Vermarkter den Aufenthaltsort des Kunden bis auf zehn Meter genau bestimmen. Vereinen sie beide Informationen, können sie ihm Waren anbieten, die er in der jeweiligen Situation brauchen könnte.

Dieser Einfall ist an und für sich vielversprechend, doch hat die Branche bislang Schwierigkeiten, sich dafür eine echte Anwendung auszudenken. Geht man heute zu einer Internet-Fete in San Francisco und lässt unvorsichtigerweise das Wort „wireless“ fallen, wird einem das Gegenüber ohne Gnade antworten mit einem „Mit-Drahtlos-kann-man-ganz-viel-Geld-verdienen-zum-Beispiel-Ein-Kunde- geht-an-einem-Cafe-vorbei-und-das-Cafe-kann-ihm-den-ersten-Milchkaffee- zum- halben-Preis-auf-seinem-WAP-Handy-anbieten-piep!“ 

Manchmal kommt man nicht einmal so weit: „wire...“ -- „Mit-Drahtlos-kann-man-ganz-viel-Geld-verdienen-zum-Beispiel-Ein-Kunde- geht-an-einem-Cafe-vorbei-und-das-Cafe-kann-ihm-den-ersten-Milchkaffee- zum- halben-Preis-auf-seinem-WAP-Handy-anbieten-piep!“ 

Naja! Die Idee der Direktvermarktung auf mobilen Internetgeräten mag ja funktionieren, aber sicher nicht so. Sie hat darüber hinaus zwei Riesenhaken: den Nerv-Faktor und den Datenschutz. Plugout.com, ein Online-Laden für Handy-Zubehör, hatte im April unaufgefordert eine Anzeige auf die Handy-Displays von 10.000 AT&T-Wireless-Kunden geschickt. Die Empfänger waren so empört, dass es erstaunlich ist, dass niemand eine Briefbombe an plugout.com geschickt hat. Kein Wunder: Die Leute sind genervt. Ironisch sagte mir ein Kollege, der ein Internet-fähiges Handy nutzt: “Na klar, liebe Werbetreibende, stört meine Privatsphäre, wann immer ihr wollt, wo immer ich bin, und ohne mich um Erlaubnis zu fragen!”

Auch Datenschutz-Sorgen spielen eine Rolle: 89% der Befragten in einer Business-Week-Umfrage sagten, sie sorgten sich über Vorhaben von Marketieren, ihre Webseh-Gewohnheiten mit ihren persönlichen Daten zu verbinden. Die meisten Anzeigenagenturen, die mit Handy-Werbung experimentieren, vertreiben die Anzeigen ihrer Werbekunden deshalb nur an Nutzer, die dem zugestimmt haben. Andere bezahlen den Nutzer dafür, dass er sich die Anzeigen ansieht. Adbroadcast.com zahlt Anwendern pro Anzeige zwischen 5 und 50 US-Cent. Die Peoples Telephone Company in Hongkong bietet ihren 90.000 Kunden um 25 Prozent niedrigere Telefongebühren an, wenn sie sich bereit erklären, Anzeigen auf ihren Handys zu empfangen.

Drahtlos-Anzeigen werden also nicht der große Umsatzbringer sein. Gottlob schätzen die Marktforscher bei Ovum, dass die Umsätze im sogenannten M-Handel wesentlich höher sein werden. Dieser „mobile Handel“ (engl. M-Commerce) bezeichnet die Möglichkeit des Nutzers eines Internet-fähigen Handys, unterwegs Waren zu kaufen. Das können zum Beispiel Fahrkarten für die Öffis sein (wenn wieder mal das Kleingeld fehlt), die Fahrtkosten fürs Taxi, Eintrittskarten fürs Kino, Bücher, CDs, vielleicht will man auch seine Bankgeschäfte oder seinen Aktienhandel drahtlos erledigen.

83 Milliarden US-Dollar sollen im Jahr 2003 im M-Handel umgesetzt werden (6% des weltweiten allgemeinen E-Handelsumsatzes von 1,3 Billionen Dollar). In Nordamerika sollen davon 19 Milliarden Dollar Umsatz erzeugt werden (zur Erinnerung: der Umsatz mit Drahtlos-Werbung soll bei 1,2 Milliarden liegen), und in 2004 bei 32 Milliarden (Drahtlos-Werbung: 2,9 Milliarden).

Europa wird laut dieser Untersuchung im Jahre 2004 51 Milliarden Dollar im M-Handel umsetzten. Das ist rund und roh so viel, wie die Bieter allein in der deutschen Versteigerung der UMTS-Lizenzen ausgegeben haben (46 Milliarden Dollar). Und jetzt nochmal ganz langsam zum Mitschreiben: In vier (!) Jahren soll (!) ganz Europa (!) nur soviel M-Handels-Umsatz (Umsatz, nicht etwa Gewinn!) erzeugen, wie die Drahtlos-Internet-Betreiber gerade allein in Deutschland ausgegeben haben!  

Wo sind die echten drahtlosen Anwendungen?

So heftig auch die Marktforscher an ihren Fingern saugen: Geld bringt das drahtlose Internet nur, wenn es viele Leute nutzen. Ob sie dies tun, hängt zum einen von den Anwendungen ab, zum anderen davon, wie praktisch die Drahtlos-Geräte sein werden.

Was die Drahtlos-Anwendungen betrifft, reicht die Fantasie der Betreiber nur dazu aus, bereits auf dem Web vorhandenes auch auf mobilen Geräten anzubieten: Nachrichten und Wettervorhersagen, E-Mail und Kalender, Instant Messaging, Reisen buchen usw. usf. Wenig nur nutzt das Mobile des neuen Mediums, etwa Stadtführer, Wegbeschreibungen oder Anwendungen, die mir die beste Verbindung zwischen A und B aus allen öffentlichen Verkehrsmitteln zusammen stellen (cool!).

Doch ist dies nur das, was man sich heute vorstellen kann. Mario Morales, Director of Semiconductor Research bei IDC, sagt: „Man sollte nicht erwarten, dass solche Anwendungen die Nutzung von Internet-Telefonen treiben. Die (Firmen) zählen auf Killer-Anwendungen, die bis jetzt noch nicht existieren.“

Taugen die Geräte was?

Ob diese Mörder-Anwendungen der Zukunft kommen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie praktisch die Drahtlos-Geräte sein werden. Bisher gibt es fast nur Internet-fähige Handys. Deren größte Schwachpunkte sind ihre winzigen Anzeigen und die Tatsache, dass sie keine vernünftige Tastatur haben. Und das macht Surfen zum Spaß nur für jemanden, der im Bett Handschellen und Halsband trägt.

Will man etwa heute ein Buch auf Amazon per Handy bestellen, muss man elf Mini-Bildschirmseiten ausfüllen. Auf eine ausführliche Beschreibung verzichte ich, ich will nur sagen, dass sich allein der Titel “Harry Potter” wie folgt auf einem Handy buchstabiert: 4-4 (H), 2 (A), 7-7-7 (R), 7-7-7 (R), 9-9-9 (Y), 0 (Leerzeichen), 7 (P), 7-7 (O), 8 (T), 8 (T), 3-3 (E), 7-7-7 (R). Da geh’ ich doch lieber gleich zum Cover-to-Cover Buchladen auf der 24. Straße.

Und so ist die bisherige Internetnutzung per Handy alles andere als Liebe auf den ersten Blick – und die Verkaufszahlen zeigen das. Die Deutsche-Telekom-Tochter T-Mobil hat zum Beispiel Anfang diesen Jahres begonnen, Internet-fähige Handys einzuführen. Das Unternehmen sagte im Juli, dass bisher nur 1 Prozent ihrer 13 Millionen Kunden Internet-fähige Handys gekauft hätten. Von diesen 1,3 Millionen Kunden nutzen nur zwei Drittel das Internet mit ihrem Mobilfon -- und das seltener als einmal in der Woche.

Sicher: Die Hersteller werden die Drahtlos-Geräte verbessern. Sie werden so allgegenwärtig sein wie Telefone, und einiges spricht dafür, dass sie noch omnipräsenter sein werden – und vermutlich nervender. In einigen Jahren werden Nokia und Ericsson und Palm drahtlose Internetgeräte anbieten, die Telefon, Webseher, E-Mail-Client und Kalender in einem sind, größere, farbige Anzeigen haben, gesprochene Befehle annehmen und MP3-Lieder und Videos abspielen können -- und obendrein billiger als die heutigen Handys sein werden.

Fast jeder in der Branche ist überzeugt, dass dieser langsame Start nur den Kinderkrankheiten der Geräte geschuldet sind und die Verbraucher ihn annehmen werden, sobald diese kuriert sind. Und so bereiten sich alle auf die kommende Drahtlos-Welt vor: 90 Prozent aller Unternehmen mit Websites planen, ihre Angebote auch für drahtlose Internet-Geräte anzubieten.

Die Aktienmärkte allerdings, trotz aller kurzfristigen Unvernunft zuverlässige Barometer für die Aussichten von Unternehmen, brachten die Kurse der UMTS-Sieger ins Trudeln. Sobald die Telekoms Unternehmensanleihen auflegen, um den Aufbau der UMTS-Netze zu bezahlen, werden sich ihre Bilanzen nochmals verschlechtern – ein weiterer Fall der Aktienkurse wird folgen.

Vielleicht werden die Panzerknacker niemals die Chance haben, Ron „Dagobert“ Sommer auszurauben. Der könnte nämlich in seinem leeren Geldspeicher sitzen und nur noch sagen: <schluck>! <schluck>!! <schluck>!!!

Zurück zur Übersicht.

Erste Seite | Vorige Seite | Folgende Seite | Letzte Seite


Copyright © 1999 - 2000 Karsten Weide und Bright Heads PR & Marketing Consulting GmbH.  Alle Rechte vorbehalten. 
Schicken Sie Tadel, Lob und Verbesserungsvorschläge bitte an sfreport@sfreport.com
Die SF-Newsletter-Mailingliste hält Sie auf dem Laufenden über die Web-Industrie. 
Abo per Mail an:  sfnliste_abo@sfreport.com - gratis.