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Die Internet-Industrie hat den Eisberg gerammt - was nun?

Frank Sinatra war der Prophet der Internet-Industrie, als er sang: „That’s Life. You ride high in April, you shut down in May.“ Genau das ist passiert: Die Branche ist nach ihrem jahrelangen Höhenflug wieder auf dem Boden gelandet – und zwar mit dem Gesicht voran.

Es begann im vergangenen März damit, dass die Seifenblase überhöhter Aktienkurse von Internetunternehmen platzte – ein Knall, der mit einem Dominoeffekt zahlreiche Nachbeben auslöste. Seit Mitte März verlor der Hochtechnologie-Aktienindex Nasdaq in nur zwei Monaten 37%, nachdem er zwischen Anfang 1998 und März diesen Jahres 240% zugelegt hatte.

Mit vollen Händen gaben viele Internetfirmen das Geld aus. Wann sie endlich Gewinn abwerfen würden, stand in den Sternen. Und selbst wenn sie Gewinn erwirtschafteten, betrug ihr Wert oft das 1000fache ihres Jahresgewinns. Anders ausgedrückt: Die gegenwärtige Gewinnlage vorausgesetzt, würden sie eintausend Jahre brauchen, um ihren Firmenwert als Profit zu erwirtschaften.

Nach und nach hatte sich bei den Anlegern, institutionellen wie privaten, der Zweifel durchgesetzt. Sie stellten sich die Frage: Auch wenn wir mit dem Internet eine industrielle Revolution erleben – kann sie die Betriebswirtschaft außer Kraft setzen? Sie beantworteten die Frage mit Nein, verkauften ihr Aktien, und deren Kurse gingen in den Keller, für manche Gesellschaften um 80 – 90 Prozent.

Vorläufig nicht betroffen von der Branchenbereinigung sind Infrastrukturfirmen wie Cisco und Oracle. Doch schreibt der Industry Standard richtig: „Es wird schwieriger werden, Geld mit dem Verkauf von Picken und Äxten zu verdienen, wenn man mit der Suche nach Gold kein Geld verdienen kann.“

Vorbereitet hatte diese Wende in der Seelenlage der noch schlimmere Rückschlag, den das E-Handels-Segment vorher einstecken musste: Nachdem die Anlegerzeitung Barron’s eine Untersuchung veröffentlicht hatte, nach der vielen E-Läden bis zum Ende des Jahres das Geld ausgehen würde, um laufende Ausgaben zu bestreiten, streckten deren Aktienkurse alle Viere von sich. Die Marktforscher von Forrester Research, früher pikanterweise internet-zuversichtlich, sagen nun voraus, das fast alle E-Geschäfte langfristig das zeitliche segnen werden.

Dass viele Aktienanleger bei dieser Kernschmelze eine Menge Geld verloren, war nur eine der Folgen. Eine weitere ist, dass sich die ganze Einstellung gegenüber dem Internet geändert hat. Der Rausch hat sich hat sich verflüchtigt, und nach dem Katzenjammer ist nüchternes kaufmännisches Denken angesagt. Gestern hieß die Parole: Gewinne spielen vorerst keine Rolle. Heute lautet sie: Jemand muss am Monatesende die Rechungen bezahlen. Anleger untersuchen Internetfirmen mit einer extrastarken Lupe: Sind die Jungs und Mädels profitabel? Wenn nicht, sind sie’s bald? Müssen sie beide Fragen mit Nein beantworten, strafen die Investoren diese Unternehmen ohne Gnade ab: Sie verkaufen Aktienbeteiligungen – und sehen sich bei neuen Anlagen sehr genau an, ob die Betriebswirtschaft stimmt.

Noch bitterer für viele Gesellschaften ist, dass niedrigere Aktienkurse auch geringere Firmenwerte bedeuten. Diese sogenannte Marktkapitalisierung errechnet sich nämlich aus der Zahl der ausgegebenen Aktien, multipliziert mit dem jeweiligen Aktienkurs. Sinkt der Kurs, sinkt auch der Firmenwert.

Das wiederum bedeutet, das Risikokapitalisten zögern, weiteres Geld in Startups einzuschießen. Und das heißt dreierlei: Erstens haben diese Firmen auf mittlere Sicht Schwierigkeiten, ihren laufenden Betrieb zu bezahlen. Zweitens können sie nur noch schwer expandieren oder anderen Firmen erwerben (bisher die Standardmethode, um schnell zu wachsen), und das bedeutet im Umkehrschluss drittens, dass sie selbst ins Fadenkreuz möglicher Käufer geraten.

Doch kann den Venture Capitalists (VCs) ihre neue Vorsicht niemand verübeln. Sie mussten nicht nur mit ansehen, wie ihre Anteile an Internet-Neugründungen in vielen Fällen auf einen Bruchteil ihres vorherigen Wertes zusammenschrumpften. Nein, sie müssen obendrein noch Geld nachschießen, um die Firmen am Laufen zu halten. Mehrere Beteiligungen des renommierten Venture-Capital- Unternehmens Benchmark Capital Ventures haben zum Beispiel bedeutend an Wert verloren: Der Wert der E-Apotheke PlanetRx sank um 90%, und der des Luxusguthändlers Ashford.com 67%. CMGIs Online-Reformhaus MotherNature.com verlor 81% an Wert. Draper Fisher Jurvetson musste mit dem Sportgeschäft Fogdog.com bisher 88% abschreiben und mit eFax 85%. Zu dem kommt, dass die Risikokapitalisten es nun schwerer haben, Investoren zu finden, die Geld in ihre Fonds einzahlen würden – zu nervös und vorsichtig sind die Anleger geworden, als dass das Geld weiter so leicht fließen würde wie bisher.

Die VCs verschärfen deshalb nun die sogenannte due diligence, also die Prüfung, ob der Geschäftsplan eines neuen Unternehmens auch halten kann, was er verspricht. Wer heute mit einem E-Commerce-Geschäftsplan auf Palo Altos Sandhill Road auftaucht, der Heimat vieler Risikokapitalfonds, kann gleich wieder nach Hause gehen: Keinen müden Cent rücken die Fonds für solche Firmen mehr heraus. Darüber hinaus weiten die Finanziers die Dienstleistungen für die Firmen aus, an denen sie Anteile halten, um so deren Erfolgsaussichten zu verbessern. In manchen Fällen ersetzen sie Firmengründer mit eigenen Managern, die sie für besser geeignet halten, den Gürtel enger zu schnallen. So gab der Aufsichtsrat von Kbkids dem Firmengründer Srinivasan den Stiefel. Und beim Botendienst Kozmo.com, der Videos, DVDs, Snacks und Softdrinks nach Hause liefert, mussten der Geschäftsführer und der Präsident zurücktreten.

Links, rechts und in der Mitte verschieben Venture Capitalists Börsengänge ihrer Firmenneugründungen, weil zum einen der Aktienmarkt im Augenblick nicht das nötige Kapital aufbringen würde, das die Firmen für ihren Betrieb brauchen, und zum anderen fantastische Gewinne durch zum Himmel strebende Aktienkurse nicht in Sicht sind. Bekannte Unternehmen wie die Verbraucherberatungs-Site Deja.com (Riskokapital-Fonds: ICG), die Online-Drogerie More.com (Softbank, 21st Century) und RealNames (Draper, Idealab) gehen vorläufig nicht an die Börse.

Firmenzusammschlüsse und Aquisitionen beginnen sich häufen. Medienkonzern Bertelsmann kaufte CDNow, einen Pionier des E-Handels. cnet, vergleichsweise ein Neuling bei Computerpublikationen, übernahm mit ZDNet die Reste des ehemals größten PC-Fachverlages der Welt, Ziff-Davis. Das Portal Yahoo! erwarb Mailinglisten-Dienst eGroups. Die Tierbedarfshandlung Pets.com kaufte Wettbewerber Petstore.com. Online-Supermarkt WebVan packte den Konkurrenten HomeGrocer.com in den Einkaufswagen. Und so weiter, und so weiter...

Andere Firmen gehen einfach pleite: Walt Disneys E-Spielwarenladen Toysmart.com beantrage Bankrottschutz unter dem sogenannten Chapter 11, das Firmen in Not die Chance geben soll, zu restrukturieren und zu überleben. apbnews.com, eine Crime-Nachrichten-Website, musste ebenfalls das Konkursverfahren beantragen. FasTV in Los Angeles, eine Firma, die Technologie zur Übertragung von Videos auf dem Internet entwickelt, wurde von ihrem Besitzer, Prinz Khaled Alnehayan der Vereinigten Arabischen Emirate, kurzerhand geschlossen, nachdem sie kein Geld von anderen Anlegern anzog.

Bei den Überlebenden wird derweil gekürzt, was der Rotstift hergibt: Unternehmensführer entlassen Angestellte, kürzen Budgets und sagen luxuriöse Marketingkampagnen ab. Kbkids hat ihr Werbebudget von 45 Millionen Dollar auf praktisch Null heruntergefahren, emusic hat 15 Millionen gestrichen. Das Möbelhaus Furniture.com hat den kostenlosen Versand von Waren eingestellt und verlangt nun pro Lieferung 90 Dollar. Und Kozmo.com-Konkurrent UrbanFetch nimmt nur noch Aufträge ab 10 Dollar an, um bei jeder Order wenigstens die Kosten zu decken.

Dutzende von Firmen versuchen, Vertriebsabkommen mit großen Portalen wie AOL oder Yahoo! neu zu verhandeln, weil die so teuer sind, dass sie ihnen sonst das Genick brechen würden. Die Gesundheits-Website DrKoop.com zum Beispiel schloss ein Abkommen mit AOL, nach dem sie dem Portal 89 Millionen Dollar über vier Jahre zahlen würde, um auf AOL platziert zu werden. Die Einnahmen decken diese Vertriebsausgaben nicht einmal annähernd. Für die meisten kleineren Sites liegen die Kosten dieser Deals typischerweise zwar nur zwischen 2 und 10 Millionen Dollar; doch in vielen Fällen ist auch das oft mehr, als sie sich im Augenblick leisten können.

Die meisten Unternehmen versuchen, mit Entlassungen Geld zu sparen: Rund 5400 Web-Angestellte haben insgesamt 60 Internet-Firmen seit dem vergangenen Dezember entlassen (Quelle: Challenger, Gray & Christmas Inc.). Hier eine Liste der bekanntesten Namen: Amazon.com entließ 150 Mitarbeiter, BabyCenter 80, nachdem es von E-Toys gekauft worden war, Furniture.com feuerte 80, Beyond.com 75, PlanetRX 70, HealthCentral.com 50, AltaVista 50, KBKids.com 45, Kozmo.com 25 und Salon.com 13.

Doch für manche Unternehmen ist trotz aller Maßnahmen schlicht die Stunde der Wahrheit gekommen: Es zeigt sich, dass ihre Geschäftsidee nicht so gut war, wie ursprünglich gedacht. Beispiel PlanetRx: Chef Michael Beindorff hat zwar 70 Mitarbeitern gekündigt und die 8 Millionen Dollar gestrichen, welche die Firma für TV-Werbung pro Quartal ausgegeben hatte. Trotzdem kostet ihn der laufende Betrieb immer noch 6 Millionen Dollar im Monat – und er hat nur 55 Millionen Dollar auf der Bank. Das reicht nicht einmal für die nächsten 10 Monate. Weil es Offline-Drogerien an jeder Ecke gibt, sind nicht so viele Kunden auf die Site gekommen, wie einst erhofft.

Was geschieht mit den Entlassenen? Internet-Angestellte an der Westküste, in San Francisco, im Silicon Valley und im Microsoft-Staat Washington finden schnell wieder einen Job. Frisch Entlassene an der Ostküste, etwa in New York, sind etwas länger arbeitslos. Doch im großen und ganzen finden alle neue Jobs mit Kusshand. Dies gilt vor allem für Software-Entwickler, bisher mit allem diesseits von sexual favours gelockt. Allerdings müssen sich alle darauf einstellen, möglicherweise weniger zu verdienen und einen minder beeindruckenden Titel zu führen. Dies trifft vor allem Freie: Java-Programmierer bekommen nun statt 200 Dollar pro Stunde nur noch 100 oder 150 Dollar. Alle Entlassenen sind durch ihre Erfahrung auch schlauer geworden: Sie erwarten nun von potentiellen Arbeitgebern, dass sie ihnen einen soliden Geschäftsplan vorlegen, anstatt ihnen das Blaue vom Himmel zu versprechen.

Uniabgänger mit einem Betriebswirtschaftsabschluss (Masters of Business Administration, MBA) und Unternehmensberater im Dreireiher mit eckigen Brillen sehen sich nun wieder nach Jobs bei Beratungsfirmen und Investmentbanken um anstatt bei Startups.

Zieht die Krise weitere Kreise? Einfamilienhäuser in San Francisco und im Silicon Valley südlich der „cool grey city of love“ holen immer noch 500.000 – 700.000 Dollar. Doch finden Makler für durchschnittliche Häuser nicht mehr zehn konkurrierende Bieter. Steve Scheck, ein Makler in Los Altos, schätzt, dass der Anteil von Dot-Com-Hauskäufern von 50% vor einem halben Jahr auf 10% gesunken ist. Für viele wäre das ein Segen: alteingesessene San-Franziskaner hatten schon einen Politfeldzug gegen die Web-Industrie begonnen, weil Wohnungen und Häuser für Normalverdiener nicht mehr bezahlbar waren.

Doch für Unternehmen ist der Immobilienmarkt zwischen San Francisco im Norden und San Jose im Süden nach wie vor eng. In der Stadt an der Bay liegt der Büro-Leerstand immer noch bei unter 2 Prozent. Und die Mieten steigen immer noch, allerdings langsamer. Hier wäre eine Abkühlung willkommen: Neugegründete Firmen haben begonnen, sich statt in San Francisco, in der umgebenden Bay Area und im Valley in weniger teuren Städten anzusiedeln, etwa in New York, in Atlanta im Bundesstaat Georgia, in Austin, Texas, in Minneapolis, Minnesota, oder in Phoeniz, Arizona.

Auch jene Autohändler, welche die von Web-Angestellten bevorzugten teuren Euro cars verkaufen, haben bisher noch keinen Umsatzeinbruch feststellen können. Carlsen Volvo in Palo Alto etwa, dem Herz des Silicon Valleys, hat im Juni soviele Schweden-Mobile abgesetzt wie nie zuvor.

Die neuesten Wirtschaftsstatistiken Kaliforniens geben bisher auch keinen Anhalt dafür, dass die Wirtschafts des Bundesstaates ernsthaft von der Web-Krise beeinträchtigt würde. Entweder ist sie nicht so schlimm wie gedacht, oder sie braucht mehr Zeit, um andere Branchen zu beeinflussen.

In der Industrie sieht man das Donnerwetter als ein reinigendes Gewitter. Die besten Firmen waren bereits im vergangenen Jahr profitabel: AOL, cnet, eBay, Yahoo!, ZDNet, die Onlinebroker DLJ Direct und TD Waterhouse sowie die Online-Bank Net.B@nk). Go2Net, Hotel Reservations Network, Lycos, TMP Worldwide (betreibt die Stellenbörse Monster.com) und die Broker Ameritrade und E-Trade werden in diesem Jahr erstmals Gewinne einfahren. Was nichts taugte, hat der Markt aussortiert. Und wer überlebt, hält sich wieder an Frank Sinatra: „Each time I find myself flat on my face, I pick myself up and get back in the race. That’s life.

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