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Das neueste Web-Zugangsgerät? Das Telefon!

Auch für Internet-Autisten wie Ihre Oma könnte das Web nützlich sein. Das Problem: Solange sie nur mit einem PC darauf zugreifen kann, wird sie es nie nutzen. Zu teuer sind die Rechner, zu unzuverlässig und vor allem: zu schwierig zu steuern.

Das neueste Internet-Zugangsgerät verspricht, dies zu ändern. Es ist ein alter Bekannter: Das Telefon. Jedes Kind kann ein Telefon bedienen. Neue Web-Firmen haben Technologien entwickelt, mit denen man zum Web sprechen kann. Und das Web antwortet.

Firmen wie Tellme Networks bieten Sprachportale an, mit dem Anwender Inhalte abrufen und E-Einkäufe erledigen können: Die Nutzer rufen eine kostenlose Telefonnummer an, und können die Site per Spracheingabe steuern. Fortgeschrittene Spracherkennungs-Software analysiert die Befehle und reagiert entsprechend: Eine von einem Computer erzeugte Stimme liest dem Nutzer die gewünschten Infos vor. Tellmes Dienst, noch im Versuchsstadium, wird zum Beispiel Schlagzeilen anbieten, Sportnachrichten, den Wetterbericht, Verkehrsdurchsagen, Restaurantführer, Kinoprogramme, Aktienkurse sowie Fluginformationen und Flugscheinverkauf

Die potenzielle Reichweite ist enorm: Fast jeder Haushalt in den Industrienationen hat ein Telefon. Allein in den Vereinigten Staaten verfügen 220 Millionen Menschen über einen Fernsprecher; das sind fast dreimal soviele, wie einen Internet-Zugang haben. Und mit jedem neuen Handy wächst der Markt weiter. Schon jetzt sind weltweit 400 Millionen Mobiltelefone in Betrieb, das sind dreimal so viele wie PCs. Und das Marrktforschungsunternehmen IDC hat vorhergesagt, dass allein im Jahr 2003 rund 540 Millionen Handys verkauft werden werden. Darüber hinaus wird das Konzept ermöglichen, das Web per Sprache dort zu nutzen, wo es bisher unmöglich war: Zum Beispiel, während man ein Auto fährt.

Das Geschäftsmodell: Tellme will viele Verbraucher anziehen und akustische Anzeigenplätze verkaufen, auf denen der Dienst den Anwendern kurze Werbe-Clips vorspielt: „Die neusten Verkehrsnachrichten, präsentiert von Volkswagen.“ Die Benutzer haben dann die Möglichkeit, per Spracheingabe die Website des Werbetreibenden abzurufen: Jede Site kann mit wenig Aufwand ihre HTML-Seiten um Voice-XML-Kodes erweitern, mit denen sie sich per Telefon nutzen lassen. Die Martktforscher von Kelsey Group schätzen, dass Sprachportale 2005 rund 4,6 Milliarden Dollar umsetzen werden.

Die Nase vorn in dem neuen Markt hat Tellme. Hier kommt zu einem guten Produkt-Einfall die Voraussetzungen für einen soliden Geschäftsbetrieb. Das Unternehmen wurde von Netscape- und Microsoft-Veteranen gegründet; sowohl Ex-Netscape-Chef Jim Barksdale als auch Ex-Microsoft-Manager Brad Silverberg haben in die Gesellschaft investiert und sitzen im Aufsichtsrat. Und die bekannten Risikokapital-Gesellschaften Benchmark Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers haben die Finanzdecke des Unternehmens mit 47 Millionen US-Dollar auf insgesamt 53 Millionen verlängert.

Tellme ist nur einer von einer ganzen Reihe von Wettbewerbern, die in den kommenden Monaten starten wollen. Andere Kandidaten sind @Motion (kürzlich von phone.com gekauft), Audiopoint, BeVocal, PhoneBrowser (betrieben von Lucent), Quack.com, Talk2.com, Telsurf sowie iHelped.com. Die großen Sites wie Yahoo! und America Online haben bisher keine entsprechenden Dienste vorgestellt. Doch sind so viele kleine Wettbewerber am Start, und der Konkurrenzkamp wird so scharf sein, dass schon bald die ersten Kandidaten reif für eine Übernahme sein werden.

Nepper, Schlepper, Bauernfänger entdecken das Web

Immer häufiger werden Nutzer und Firmen in den Vereinigten Staaten die Opfer von Betrügern. Nepper, Schlepper und Bauernfänger haben das Web als Spielwiese entdeckt. Die Reichweite des Webs ermöglicht es ihnen, anonym und mit geringsten Mitteln eine nie zuvor mögliche Zahl von Menschen abzuzocken.

Jeder fünfte Online-Kunde in den Vereinigten Staaten ist nach einer Umfrage der Verbraucherschutzorganisation National Consumers League (NCL) entweder schon einmal einem Kreditkartenbetrug zum Opfer gefallen oder hat für Waren bezahlt, die dann nie geliefert wurden. Der durchschnittliche Schaden liege bei 300 US-Dollar. Firmen und Privatpersonen seien 1999 durch Internetbetrug um insgesamt 3,2 Milliarden Dollar gebracht worden. So häufig ist Betrug auf dem Web geworden, dass die Behörden kaum noch nachkommen: Die US-Handelsaufsicht Federal Trade Comission (FTC) stellte fest, das im vergangenen Jahr fast 19.000 Fälle von Web-Betrug vorgekommen seien. Ein Viertel aller Beschwerden, die bei der FTC eingehen, stammen von Internetnutzern – 1997 waren es nur drei Prozent.

Die Behörden drehen auf: Die FTC beispielsweise versucht systematisch, Werden-Sie-Millionär-in-14-Tagen-Schwindel aufzudecken. Über hundert Fälle hat die Handelsaufsicht im vergangenen Jahr vor Gericht gebracht. Das US-Bundeskriminalamt Federal Bureau of Investigation (FBI) will mit dem National White Collar Crime Center, finanziert vom Justizministerium, ein Internetbetrugs-Zentrum mit über 150 Mitarbeitern einrichten.

Eine der größten Gefahren für E-Läden ist der Kreditkartenbetrug. Das Martforschungsunternehmen TowerGroup nimmt an, dass insgesamt 0,11 Prozent aller Transaktionen auf dem Web betrügerisch sind und 1999 einen Schaden von 43 Millionen Dollar angerichtet haben. Zum Vergleich: Das Kreditkartenunternehmen Visa gibt an, dass die Betrugsrate bei allen ihren Kreditkartenkäufen nur halb so hoch liegt, nämlich bei 0,05 Prozent.

Immerhin 15 Prozent aller E-Händler geben an, dass Kreditkartenbetrug ein Problem ist (Quelle: Activemedia). Auch an den Größten geht dieser Kelch nicht vorbei: Microsofts Reise-Website Expedia.com gab Anfang März bekannt, dass ihr durch Betrüger, die sich kostenlos Flugtickets erschlichen, ein Schaden von 6 Millionen Dollar entstanden ist. Die Schwindler gaben automatisch generierte Kreditkartennummern an, liessen sich das Ticket am Flughafen hinterlegen – und hatten den Flugschein abgeflogen, bevor Expedia herausfand, dass zu der Kreditkartennummer keine Person gehörte. Wenn man bei einem Händler eine Kreditkarte angibt, prüft eine Software zwar, ob es diese Nummer theoretisch geben könnte. Doch Software, mit der sich solche glaubhaften Nummern erzeugen lassen, finden sich auf dem Internet zuhauf.

Amazon.com wurde das Opfer eines Betrugs, in dem ein Russe Dutzende gestohlener Kreditkartennummern benutzte, um Elektrogeräte im Wert von 70.000 Dollar zu bestellen. Bei Elektronikgeräte-Hersteller Casio.com waren im vergangenen Jahr 13% aller Käufe Schwindel. Und Sportartikel-Hersteller Nike.com schätzt, dass rund 10 Prozent aller Online-Bestellungen Betrugsversuche sind.

Schon mehrfach sind Hacker in jene Datenbanken von E-Läden eingebrochen, in denen diese die Kreditkartennummern ihrer Kunden ablegen. Dann nutzten sie diese Nummern, um auf fremde Rechnung Waren zu bestellen. Der Dumme ist meistens der E-Händler: Die meisten US-Kreditkartenunternehmen begrenzen die Haftung ihrer Kartenhalter auf 50 Dollar – auf den Kosten jenseits dieser Grenze bleiben die E-Händler sitzen. Trotzdem geben rund zwei Drittel aller Nutzer in allen Umfragen (und egal in welchem Land) an, dass sie sich um die Sicherheit ihrer Kreditkartennummer sorgen. Allerdings glauben nur zwei Prozent jener Kunden, die auf dem Web per Plastikgeld einkaufen, dass mit ihren Daten schon einmal Schindluder betrieben wurde, so das Ergebnis einer Umfrage von BizRate.com.

Die Firmen setzen sich zur Wehr: Expedia zum Beispiel läßt eine Software laufen, die prüft, ob ein Kauf plausibel ist. Kommt die Kreditkartennummer von der Internetadresse, von der sie normalerweise gesendet wird? Kommt sie über einen Rechner, der bei früheren Betrugsversuchen aufgefallen ist? Könnte eine Welle von Buchungen von einer Software kommen, die das Unternehmen schädigen soll? Das Prüfprogramm spuckt einen Risikoindex aus – und dann muss der Händler entscheiden, ob er den Handel ausführen will oder nicht.

Andere Unternehmen liefern nicht mehr in bestimmte Länder Asiens oder Osteuropas. Von dort aus operieren viele der Kreditkartenbetrüger. Oft sind die Strafverfolger dort juristisch oder wegen mangelnder Mittel nicht in der Lage, Betrüger zu verfolgen.

Nach einer Umfrage der NCL bei 1000 Online-Käufern ist der mit über 70 Prozent häufigste aller Web-Schwindel der Auktionsbetrug –- auch wenn das führende Auktionshaus E-Bay behauptet, nur eine von 25.000 Transaktionen sei falsches Spiel. Und das geht so: Sie ersteigern die ultraseltene Pokemon-Sammelkarte für nur 2200 Mark (ein Schnäppchen unter Liebhabern!), bezahlen – doch wird die Sammelkarte nie geliefert. Sie sind der Dumme.

Häufig ist auch der E-Handels-Betrug. Hier bestellt ein Kunde etwas in einem vermeintlich seriösen E-Laden, bezahlt, doch die Ware kommt niemals an. Wird die Ware geliefert, entspricht sie oft nicht dem, was der Anbieter versprochen hat. Im Gegensatz zum Einkauf per Kreditkarte unterschätzen die Kunden hier das Risiko: Nur 10 Prozent aller Käufer glauben an eine Gefahr – doch in 20 Prozent aller Fälle kommt es zu einem E-Handelsbetrug (Quelle: BizRate.com und National Consumers League). Trotzdem wollen sich viele Kunden nicht auf renommierte E-Läden beschränken – zu groß ist die Gier, ein Schnäppchen zu machen.

Beliebt sind bei Hochstaplern daneben Aktienkurs-Manipulationen. Die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Comission (SEC) erhält jeden Tag rund 3000 E-Mails, die auf solche Fälle hinweisen. Das Muster: Betrüger kaufen billige Aktien, bringen mit euphorischen Newsgroup-Nachrichten oder Chat-Raum-Beiträgen Anleger dazu, die Aktien zu kaufen, der Kurs steigt, und die Ganoven verkaufen zum neuen, hohen Kurs mit einem Riesengewinn. Noch fantasievoller waren Hacker, die Anfang des Jahres bei der Website des Biotech-Unternehmens Biosciences einbrachen und eine falsche Pressemitteilung pflanzten. Sie gab vor, dass das Unternehmen zu einem Vielfachen seines Börsenmarktwerts von einer anderen Gesellschaft erworben werden würde – alles gelogen. Doch Biosciences Aktienkurs stieg um 50%, bevor die Firma die Räuberpistole entdeckte und den Börsenhandel vorübergehend einstellen konnte.

Das Letzte!

Auch wenn sich die Ladegeschwindigkeit von Web-Seiten in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert hat: Web-Nutzer haben 1999 mehr als 2,5 Milliarden Stunden vor ihren Rechnern damit zugebracht, auf das Laden von Web-Seiten zu warten (Quelle: Nortel Networks). Das ist immer noch zu schlecht für ein neues Medium, dass mit alten Medien konkurriert, deren Seiten sich ohne Verzögerung aufbauen: die Zeitung, die Zeitschrift und das Buch.

San Francisco, den 30. April 2000

Ihr

           

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