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März 2000

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Das Ende der Zensur: Freiheit für Dissidenten – und Pädophile?

Mehr ungefilterte Informationen für alle, bessere Meinungsbildung, Emanzipation, eine bessere Welt – das war eine der Verheißungen des Internets. Neue Technologien versprechen radikale Meinungsfreiheit – doch vielleicht werden wir uns bald fühlen wie der Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nun nicht mehr los wird.

Angefangen hat alles vor kurzem mit einer Gruppe von AOL-Programmierern, die ein Programm namens Gnutella entwickelt hatten (die gleichen, die den Musikspieler Winamp entwickelt haben). Es erlaubt Nutzern, Dateien über das Internet miteinander auszutauschen, ohne dass dies jemand kontrollieren oder verhindern kann – ein Paradies für Software- und Musik-Piraten. Ungewohnt schnell reagierte die AOL-Bürokratie und schloss binen eines Tages die Gnutella-Website– zu spät. Ungezählte Kopien von Gnutella sind auf dem Web unterwegs, und niemand, auch AOL nicht, kann den Djinni, einmal aus der Flasche entkommen, wieder einfangen. Gnutella verbreitet sich wie ein Steppenbrand, und munter tauschen Gnutella-Nutzer Musikstücke, kommerzielle Anwendungen und Spiele miteinander aus.

Warum niemand die neue Freiheit auf dem Internet verhindern kann? Gnutella ist ein verteilter Datei-Server: Nutzer, die das System unterstützen wollen, spielen die Gnutella-Software auf ihren Rechner mit Internetzugang, der sich dann mit anderen Gnutella-Rechnern abgleicht: Alle Dateien, die jemand auf einem Gnutella-Rechner veröffentlicht, werden auf mehrere Maschinen verteilt und sind auf allen teilnehmenden Computern verfügbar. Damit bietet sich Zensoren – und der Polizei – kein Ziel mehr. Einem Gnutella-Rechner kann man noch das Licht ausblasen – aber tausenden in dutzenden von Ländern?

Im Januar trat in Australien nach langer Diskussion mit dem Online Services Act das weltweit strengste Internet-Zensurgesetz einer Demokratie in Kraft. Als Reaktion darauf, und um die Meinungsfreiheit auf dem Internet zu gewährleisten, programmiert eine Gruppe unabhängiger Entwickler um den Iren Ian Clark seit 18 Monaten eine neue Software namens Freenet, die Ende März erscheinen soll. Das Produkt des Open-Source-Projekts wird das gleiche leisten wie Gnutella. Obendrein können sowohl Betreiber von Freenet-Servern als auch deren Nutzer anonym bleiben. Zudem ist das System so gestaltet, dass es sehr schwierig ist, den Datenverkehr zwischen Freenet-Rechnern nachzuvollziehen. Versucht jemand, eine Datei aus dem Freenet-Netzwerk zu entfernen, kopiert das System diese Datei selbsttätig auf mehrere andere Knoten des Netzwerks: eine Hydra der Meinungsfreiheit.

Das ist das Ende der Zensur und des Urheberrechts – unwiederruflich. Das hat Vorzüge und Nachteile. Gut ist das für die Meinungsfreiheit, besonders in Ländern wie China und Singapur, wo Dissidenten, Oppositionelle und Bürgerrechtler der Verfolgung ausgesetzt sind. Schlecht ist, dass diese Meinungsfreiheit auch für Kriminelle gilt, etwa für Pädophile, Terroristen oder Software-Piraten. Hoffentlich bedeutet totale Meinungsfreiheit nicht in Wirklichkeit Anarchie.

Das Neueste von der Web-Navigation

Vor fast einem Jahr habe ich an dieser Stelle von der damals neuen Suchmaschine Google berichtet. Google war in einer Hinsicht ein Durchbruch: Sie war die erste Suchmaschine –also eine von einem Software-Automaten produzierte Navigationshilfe- deren Suchergebnisse so phänomenal genau sind, dass sie es mit händisch hergestellten Verzeichnisse wie Yahoo! aufnehmen kann. Und sucht man nach Quellen zu exotischen Themen, dann fährt Google sogar Kreise um Yahoo!.

Google hatte nur wie alle Suchmaschinen einen Mangel: Ergebnisse erhielt der Nutzer nur, nachdem er in einem Eingabefeld Suchbegriffe eingegeben. Das ist in zwei Fällen ein Problem. Erstens: Anfänger sind vom nackten Eingabefeld oft eingeschüchtert. “Was kann ich denn jetzt da eingeben?” Ihnen liegt es mehr, sich –möglich in Verzeichnissen wie Yahoo!-- langsam durch einen hierarchischen systematischen Katalog voranzutasten, bis sie das Gewünschte finden (die US-Kollegen nennen dies das Drill-Down-Verfahren). Und zweitens: Manchmal weiß man selbst als erfahrener Anwender nur ungefähr, wonach man eigentlich sucht: “Hmmm… da gab’s doch diesen Fettersatz, wie hieß der doch gleich wieder… Elestra? Olestrol? Und der hatte doch diese unangenehme Nebenwirkung auf das Verdauungssystem… Hyperfunguappendicitis?” Selbst wenn man nicht einmal einen bestimmten Suchbegriff hat, führt das Vortasten durch einen systematischen Katalog oft zum Ziel: Voilá, der Ersatzstoff heißt Olestra, und über die Nebenwirkung breite ich an dieser Stelle lieber den barmherzigen Mantel des Schweigens.

Ein deutscher Neuling unter den Suchmaschinen, Twirlix, hat diesen Mangel schon vor einiger Zeit abgestellt: Web-Sites, welche die Suchmaschine erfasst, ordnet sie automatisch in einen systematischen Katalog ein (Twirlix ist Kunde der Brightheads PR & Marketing Consulting GmbH, dem Auftraggeber dieses Newsletters). So können sowohl Einsteiger als auch Experten mit ihrer Lieblingsmethode finden, was sie suchen. Das Haar in der Suppe des Twirlix-Teams um Gründer Christian Strasheim: Google bietet neuerdings die gleiche Funktion an. Und Northern Light bietet zwar kein ausgewachsenes hierarchisches Verzeichnis an, gruppiert aber Suchergebnisse nach Themen in Ordnern.

Und dann gibt’s da noch den “Menschen helfen Menschen”-Ansatz. LookSmart ist wie Yahoo! ein manuell hergestelltes Web-Verzeichnis. So weit, so normal: Doch in LookSmart Live können Nutzer Fragen stellen, und andere Benutzer, die sich in dem jeweiligen Feld auskennen, können sie beantworten. Diese Experten verdienen dabei Online-Rabattmarken namens ClickMiles, mit denen sie zu Sonderpreisen auf dem Web einkaufen können. Beantwortet keiner der Anwender-Experten eine Frage innerhalb von 24 Stunden, nimmt sich einer der LookSmart-Redakteure des Problems an.

Das Letzte!

Wie wär’s mit einem Diplom in Computerspielen? Die Universität von Kalifornien in Irvine bietet einen neuen Studiengang in Computerspielen an: das Interdisciplinary Gaming Studies Program soll Studenten darauf vorbereiten, Computerspiele zu designen, zu programmieren, ihre gesellschaftlichen Auswirkungen zu verstehen, kurz, alles zu wissen, was man braucht, um eine Karriere in dieser Industrie zu machen. Seminare in Psychologie, Soziologie, Design und Anatomie sind nur einige Teile des Programms. Das ganze ist beileibe kein Spaß: Die Computerspiele-Industrie setzt allein in der Vereinigten Staaten pro Jahr 7 Milliarden US-Dollar um.

San Francisco, den 28. März 2000

Ihr

            Karsten Weide

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