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Juli 1999

Eine Zukunft ohne RTL, ZDF und Sony Entertainment?

Online-Aktienhandel: Neuemissions-Aktien auch für Kleinanleger, 24-Stunden-Handel

Navigationshilfen: Wer braucht noch Yahoo!?

Internet-Aktien: Es geht wieder aufwärts

Inhalt

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Eine Zukunft ohne RTL, ZDF und Sony Entertainment?

Gut für Sie ist, wenn Sie bei einer Website engagiert sind, die Fernsehen, Rundfunk oder Musik aufs Internet bringen will. Falls Sie dagegen Unternehmen verbunden sind, die nichts anderes tun, als Rundfunk- und Fernsehsender zu betreiben oder CDs und Videokassetten zu vertreiben – das ist schlecht für Sie. Denn für diese sieht die Zukunft nicht rosig aus.

Bald wird das Internet die traditionellen Vertriebstechnologien ablösen: TV, Radio, Musik, Videofilme, Anwendungs-Software, Telefongespräche, Videotelephonie, Videokonferenzen – all dies wird in wenigen Jahren über das Web zu den Kunden gelangen. Alte Übertragungstechnologien wie Sendestationen, CDs und Kassetten wandern dorthin, wo sie hingehören – ins Deutsche Museum. Und allen Unternehmen, die mit deren Betrieb bzw. Vertrieb Geld verdienen, steht eine Achterbahnfahrt bevor.

Der nächste Trend nach E-Commerce ist “Breitband”. Breitband bedeutet: Die technische Möglichkeit, auch datenintensive Medien über das Internet zu vertreiben, zum Beispiel Filme, Bilder, Sprache und Musik. Von überall her, mit geringem technischen Aufwand, nach überall hin, ohne physischen Vertriebsapparat, den man selbst betreiben müsste, möglich für jedermann. Mit Broadband, so der englische Begriff, lassen sich auch grosse Datenvolumen so schnell übertragen, wie der Kunde es von herkömmlichen Medienträgern wie TV, Radio und CD gewohnt ist.

Bisher ist das für normalsterbliche Internetnutzer kaum möglich: Alles, was mehr als Text ist, ist schwer über das Internet zu übertragen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – nur ist die Datenmenge, die man braucht, um es zu übertragen, leider auch tausend mal so groß. Die Uebertragungstechnologie, über welche die meisten Nutzer in Deutschland verfügen, ist eine Telefonleitung und ein Modem oder eine ISDN-Karte, die höchstens 56.000 Bit pro Sekunde übertragen können (7.000 Zeichen/Buchstaben). Das ist wenig für Bilder – und viel zu wenig für Sprache und Musik, von Videos ganz zu schweigen.

Aber das wird sich ändern: In den Vereinigten Staaten bieten die ersten Telefongesellschaften Hochgeschwindigkeitszugänge zum Internet für Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher an. Diese Zugänge nutzen meistens das sogenannte DSL-Verfahren. DSL steht für Digital Subscriber Loop (digitale Abonnentenverbindung),und Sie können es sich als ISDN auf Steroiden vorstellen. Wie ISDN nutzt es das herkömmliche Telefonkupferkabelnetz, und wie bei diesem sorgt ein Kompressionsverfahren dafür, dass sehr große Datenmengen übertragen werden können. Übertragungsraten von bis zu 8 Megabit haben Ingenieure im Labor erreicht. Das bedeutet, dass eine Familie ihren gesamten Multimediakonsum über eine solche Verbindung abwickeln kann: vom Internetzugang übers Telefonieren und Musikhören bis zum Fernsehen.

DSL steht kurz vor dem Durchbruch in den Massenmarkt. AOL plant, später im Jahr in Zusammenarbeit mit den Telefongesellschaften Bell Atlantic und SBC DSL-Zugänge in 21 US-Bundesstaaten anzubieten. Darüber hinaus bietet @Home mit einer anderen Technik einen Hochgeschwindigkeitszugang über das Kabelfernsehnetz an. Das Marktforschungsunternehmen VisionQuest 2000 schätzt, dass die Zahl der Nutzer mit DSL-Modems in den USA von wenigen 10.000 im vergangenen Jahr auf 60 Millionen im Jahr 2001 wachsen wird, die der Nutzer mit Kabelmodems auf 15 Millionen. Parallel wird die Zahl der normalen Modems von über 60 Millionen im Jahr 1998 auf zirka 10 Millionen im Jahr 2001 sinken.

Und selbst im verschlafenen Deutschland geht es voran: Die Deutsche Telekom will im Juli diesen Jahres in mehr als 40 Orten DSL-Zugänge mit Uebertragungsgeschwindigkeiten bis zu 6 Megabit anbieten. Für T-Online-Nutzer geht’s mit 768 Kilobit pro Sekunde online. Der Preis: eine Grundgebühr von 99 Mark einschließlich 50 Freistunden im Monat, hinzu kommt die stündliche T-Online-Gebühr jenseits der Freistunden. Bis 2003 sollen die Ballungszentren versorgt sein. Wenn jetzt die Telekom noch das Taxameterprinzip abschaffen würde, wäre das Angebot perfekt. Denn wollte man den T-Online-DSL-Zugang als Standleitung nutzen, müsste man im Monat zusätzlich 670 Online-Stunden bezahlen – oder rund 2400 Deutsche Mark. Da hat wohl jemand den Schuß nicht gehört bei T-Online. Aber Wolfgang Keuntje, Chef von T-Online, hat gerade erst bekräftigt, daß ein Pauschalmodell zur Zeit nicht zur Debatte steht.

AOL Deutschland will selbstverständlich auch schnelle DSL-Zugänge anbieten, fürchtet aber, am ausgestreckten Arm der Deutschen Telekom zu verhungern. Denn selbst im liberalisierten Telekommunikationsmarkt hat die Telekom ein faktisches Monopol auf die “letzte Meile” Kabel, die zu den Haushalten führt. So streitet denn AOL Bertelsmann mit der Telekom darum, wie auch den AOL-Nutzer DSL-Zugänge erhalten könnten.

DSL-Zugänge haben drei Vorteile: Sie sind schnell, jederzeit verfügbar und billig (eine DSL-Verbindung ist eine Standleitung, man muss sich also nicht mehr einwählen). Ich schreibe diesen Newsletter beispielsweise auf einer Maschine mit einem DSL-Zugang der Telefongesellschaft Pacific Bell – Daten gelangen mit einer Rate von 384 Kilobit pro Sekunde in meinen Rechner. Und der Spass kostet mich nicht mehr als eine Pauschale von 49 Dollar im Monat, egal, wieviele Daten ich lade. Amerika, Du hast es besser, daß wußte schon Goethe.

Diese Übertragungsleistung genügt bereits, um Musik und Radio zu hören. Und das macht sich bemerkbar. Eine Studie von Arbitron and Edison Research ergab, dass sich der Anteil der US-Bürger, die Online-Radio hören, zwischen Juli 1998 und Februar 1999 von 6 auf 13 Prozent mehr als verdoppelt hat.

Wie wär’s mit einer kleinen Kostprobe? Beispielsweise mit live gesendeten Nachrichten von Bayern 5 Aktuell? Oder mit Klassik, Jazz, Country-Songs und Hiphop von Yahoo! Radio? Viele weitere Websender haben den Betrieb aufgenommen. Oder wie steht’s mit Musik vom Web statt von der CD? Der führende Anbieter von Musik auf dem Web, mp3.com, bietet alles an vom Mozart-Klavierkonzert bis zu Hiphop und Trance – alles kostenlos! Hier finden Sie als extra Zuckerl die populärsten Songs aus Deutschland. Selbst Videos lassen sich auf diese Weise empfangen: Der wichtigste Anbieter ist broadcast.com, der tausende von Videos bereithält: Wie wär’s als Kuriosum mit einem kleinen Ausflug auf’s Münchener Oktoberfest? Allerliebst! Und jetzt schunkeln alle mit! Ja, Sie bitte auch!

Unterm Strich steht: Massenhafter Breitbandzugang wird in zwei bis drei Jahren verfügbar sein – und damit wird sich alles ändern: Für die Nutzer, vor allem aber für die traditionellen Anbieter von Medien.

Die Eintrittsbarriere senkt sich dramatisch, und damit öffnet sich ein weites Feld für kleine, pfiffige und aggressive Wettbewerber, die den alteingesessenen, bequem gewordenen Medienkonzernen die Hölle heiß machen werden. Die Medienwelt wird demokratisiert. Gestern war Pressefreiheit die Freiheit desjenigen, der sich eine Druckerpresse oder einen Sender leisten konnte. Morgen wird es jedermanns Freiheit sein, der einen Webserver und einen Internetzugang betreiben kann.

Was brauche ich, um ein Medienunternehmen zu betreiben? Inhalte, Produktionstechnik, Marketing und Distribution. Die Inhalte wird ein begeisterter Website-Betreiber im Zweifelsfall orgineller und näher am Puls der Zeit herstellen können als ein großer Konzern. Denn daß Sony Music und andere Entertainmentkonzerne uns mit der Industrialisierung der Musikwelt unsäglich langweilige und unoriginelle Popmusik verschafft haben, darin besteht wohl weitgehende Einigkeit.

Was die Produktionstechnik betrifft: Was hindert mich heute noch daran, in meinem Hobbykeller eine Runfunkstation zu eröffnen? Oder ein Musiklabel? Nichts! Oder warum nicht gleich eine Fernsehproduktionsgesellschaft? Auf einer RealNetworks-Konferenz, die kürzlich in San Francisco stattfand, stellte eine Firma vor: Ein Web-Fernsehstudio einschliesslich Kamera und Blackbox für 8000 US-Dollar.Voilá!

Für die meisten der Live-Angebote muß der Nutzer den RealPlayer von RealNetworks laden und einrichten. RealNetworks ist der führende Hersteller sogenannter Streaming-Technologie (= man kann den Anfang der Sendung schon hören, während der Rest im Hintergrund geladen wird). Für Yahoo! Radio braucht’s nicht mal das: Hier hören Sie Radio mit Hilfe eines Java-Applets, das Ihr Browser selbsttätig lädt. Yahoo! erhält diese Technik von Spinner.com. Pech nur für Yahoo!, dass AOL, einer von Yahoos größten Konkurrenten, Spinner.com kürzlich für 400 Millionen Dollar in Aktien gekauft hat.

In der Welt der Musik lautet das Zauberwort “MP3”. Es ist ein Dateiformat, mit dem sich Songs in guter Qualität und mit verhältnismäßig geringer Datenmenge über das Web übertragen lassen – und zwar ohne Kopierschutz. Theoretisch lassen sich so urheberrechtlich geschützte Stücke von CD in MP3-Dateien spielen, die sich anschließend beliebig vervielfältigen und vertreiben lassen. Mittlerweile hat sich eine riesige MP3-Untergrundszene gebildet, welche die Technologie und die Kultur für den Massenmarkt vorbereiten werden. Wie unerhört populär MP3 ist, zeigt die Tatsache, dass der Suchbegriff “MP3” sogar das Wort “Sex” als den am häufigsten eingegebenen Suchbegriff abgelöst hat (laut Searchterms.com).

Derweilen machen sich die “Big Five” Musikkonzerne in die Hosen (BMG Music, EMI Group, Sony Entertainment, Universal Music, Warner Music Group). Kein Wunder: Wenn sie die Kontrolle über den Vertrieb von Musik verlieren, können sie auch kein Geld mehr verdienen. Die Konzerne, die heute noch 80% des Weltmarktes beherrschen, versuchen deshalb, ein Anti-MP3-Verfahren einzuführen. Es schränkt die Möglichkeiten der Kunden ein, Musikstücke zu kopieren und übers Web zu übertragen. Diese Secure Digital Music Initiative (SDMI) soll die Distribution von Musik über das Internet überwachen. Das geht gegen die offene Natur des Webs an, wird scheitern und nur dazu führen, daß die Konzerne Zeit verlieren werden. Anstatt auf verlorenem Posten zu kämpfen, sollten sie in die Offensive gehen und das neue Potential des Internets nutzen, um so neue Umsatzquellen zu erschließen.

Doch zurück zur Medienfirma in der Garage. Was der dann noch fehlt, ist die Distribution. Doch für die Distribution sorgt das Internet – und zwar für weltweite! Ein originelles Produkt distribuiert sich auf dem Web von selbst. Und sobald genug Reichweite da ist, ist es auch kein Problem mehr, ein kommerzielles Unternehmen zu gründen und Geld für echtes Marketing in die Hände zu bekommen.

Wer braucht in zwanzig Jahren noch Plattenkonzerne? Traditionelle Rundfunk- und Fernsehanstalten? Die gewaltigen Apparate, die solche Unternehmen aufgebaut haben – niemand wird sie mehr brauchen.  

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Online-Aktienhandel: Neuemissions-Aktien auch für Kleinanleger, 24-Stunden-Handel

Dass Online-Brokerages die Top-E-Commerce-Sites auf dem World Wide Web sind, ist nichts neues. So erfolgreich sind diese Websites, daß die Medien in den Vereinigten Staaten bereits den Untergang der traditionellen Wall-Street-Broker vorhersagen. Kleinanleger und Erstanleger stürzen sich scharenweise auf das Online-Brokering, gelockt durch den einfachen Zugang und niedrige Handelskosten. Hier ein paar neue Schnipsel aus dem Kampfgetümmel: Forrester Research erwartet für Deutschland bis Ende 1999 rund 530.000 Kunden, die online handeln, und bis zum Ende des Jahres 2002 bereits 3,8 Millionen Kunden. Die Consors Discount-Brokerage, die deutsche Pionierin des Online-Tradings, ist mit ihrem Börsengang flugs zur fünftgrößten Bank Deutschlands avanciert. Und in den USA hat nun sogar das ehrwürdige Brokerhaus Merrill Lynch angekündigt, dass es Discount-Trading auf dem Internet einführen wird.

Am Rande des Tumults gibt es zusätzlich einige interessante Neuerungen: Da ist vor allem OpenIPO zu nennen. Haben Sie als Kleinanleger auch die Erfahrung gemacht, daß Sie bei Börsengängen so gut wie niemals Aktien bekommen, weil immer vorher die Grossanleger zum Zuge kommen? Dass will OpenIPO ändern, eine Gründung des 63jährigen Ex-Bankers Bill Hambrecht und seiner Firma WRHambrecht.

OpenIPO bringt Firmen an die Börse, verteilt deren Aktien aber nach einem neuen Verfahren. Lassen Sie mich das am Beispiel des Börsengangs des kleinen Portals Salon.com erläutern, der vor Kurzem stattgefunden hat. Zunächst legte OpenIPO zusammen mit Salon.com fest, wieviele Aktien ausgegeben werden sollten: 2,5 Millionen Stück. Nun konnte jeder bei OpenIPO registrierte Anleger für Aktien dieser Firma in einer sogenannten holländischen Auktion bieten. Sie hätten beispielsweise 100 Stück zu einem Preis von je 28 Dollar ordern können. Am Ende der Auktionsphase bildet OpenIPO eine Liste aller Gebote, geordnet nach dem Orderpreis pro Aktie, beginnend mit dem höchsten Gebot. Nun wird die Liste von oben nach unten durchgegangen, bis alle angebotenen Aktien (in diesem Beispiel 2,5 Millionen) vergeben sind. Jeder Bieter erhält die gewünschte Stückzahl – muss aber nur den Preis desjenigen Bieters bezahlen, der als allerletzter noch in den Kreis derjenigen Gebote gerutscht ist, die OpenIPO noch von den 2,5 Millionen Aktien bedienen konnte. Im Beispiel von Salon.com waren das 10,50 Dollar. Sie hätten also mit Ihrem Gebot 100 Salon.com-Aktien zu 10,50 Dollar anstatt 28 Dollar erhalten.

Das bringt für alle Beteiligten Vorteile: Die Firma, die an die Börse will, erhält tatsächlich das gesamte Kapital, das die Marktteilnehmer bereit sind, für sie zu bezahlen. Bei normalen Börsengängen schätzt die abwickelnde Firma mit der sogenannten Bookbuilding-Spanne, wieviel die Aktie wert ist. Der so festgestellte Ausgabepreis entspricht oft nicht dem späteren Wert der Aktie auf dem Markt. Deshalb oszilliert der Aktienkurs einer neuen Aktie nach dem Börsengang oft wild auf und ab, bis er sich schließlich auf den wirklichen Wert einpendelt. Diese Marktineffizienz beseitigt die holländische Auktion, und das ist für alle Marktteilnehmer gut. Die Kleinanleger sind besser dran, weil nach diesem Verfahren auch sie zu Aktien kommen und nicht bloß die Deutsche Bank. Einziger Wermutstropfen für sie: Das OpenIPO-Verfahren zur Feststellung des Aktienpreises führt näher an den späteren tatsächlichen Wert der Aktie als die traditionelle Bookbuilding-Methode. Deshalb bleiben die phantastischen Kurssprünge aus, die wir oft bei Hightech-Firmen gesehen haben. Zumindest galt das für Salon.com, der Kurs der Aktie schwankt seit der IPO nur leicht um den Emissionspreis von 10,50 Dollar.

Übrigens können Sie OpenIPO auch von Deutschland aus nutzen. Sie müssen dort ein Konto mit mindestens 2500 US-Dollar eröffnen und auf dem sogenannten W-8-Formular bestätigen, daß Sie kein US-Büger sind und keine US-Steuern bezahlen müssen – und schon kann’s losgehen.

Eine ebenso interessante Neuerung: 24-Stunden-Aktienhandel. Haben Sie sich auch schon mal darüber gewundert, warum Börsen immer nur dann geöffnet sind, wenn normalsterbliche Anleger arbeiten müssen und keine Zeit haben, sich mit Aktiengeschäften zu befassen? Die meisten Kleinanleger haben abends, nachts und am Wochenende Zeit – wenn die Börsen geschlossen sind. Dabei gibt es mit dem Internet technisch gesehen keinen Grund mehr, warum man nicht 24 Stunden am Tag an sieben Tagen der Woche Aktien handeln könnte.

Und genau das tun in den Vereinigten Staaten die sogenannten Electronic Communications Networks (ECNs). Diese E-Börsen ermöglichen den Handel von Aktien auch dann, wenn die traditionellen Börsen bereits geschlossen sind. Wie auf einem normalen Markt vergleichen sie die Orders von Käufern und Verkäufern und führen sie aus, wenn die gewünschten Preise übereinstimmen. Die Heldin auf der Bühne ist die Datek-Tochter Island. Das Handelsvolumen und der -Umsatz des Newcomers entspricht bereits stolzen 10 Prozent des Handels der Hightech-Börse Nasdaq. Bereits im Mai hatte die Nasdaq ihre Handelszeiten um einige Stunden verlängert, um gegen die wachsende Beliebtheit der ECNs anzugehen. Die New York Stock Exchange (NYSE) verschob dagegen Pläne für verlängerte Handelszeiten auf das nächste Jahr. Island schneidet ebenso schmerzhaft in den Marktanteil des Reuters-Unternehmens Instinet. Instinet ist ein älteres ECN, das bisher nur institutionelle Anleger bediente, aber bald auch Kleinanleger als Kunden annehmen will.

Für den deutschen Wertpapierhandel bedeutet das: Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Mehr und mehr Transaktionen werden die Anleger online, ohne Beratung und billig ausführen. Dies wird scharf in das Fleisch traditioneller Broker schneiden, die Kunden verlieren werden. Kleine, wendige, unabhängige Firmen ohne Achtung vor den heiligen Kühen des deutschen Bankwesens werden das Internet-Marktsegment beherrschen (zum Beispiel E-Trade Inc., der führende US-Online-Broker, der bald nach Europa kommen wird). Oder aber Online-Dependancen traditioneller Banken, die clever genug sind, Ihren Web-Ablegern viel Freiraum zum Schlachten o. a. heiliger Kühe geben (etwa Consors oder die Comdirect Bank). Ob die anderen deutschen Banken da mithalten können? <seufz!> Die Dresdner Bank bietet noch nicht einmal Internet-Banking an. Und wird es Innovationen wie Island oder OpenIPO geben? Vermutlich schwerlich, solange Deutschland nicht gründlich dereguliert wird.

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Navigationshilfen: Wer braucht noch Yahoo!?

Im Krieg der Navigationshilfen um die Nutzergunst hat sich plötzlich etwas verändert: Eine technische Innovation bei den Suchmaschinen kann sich zur Bedrohung Yahoos, des Lieblings aller Nutzer, entwickeln. Denn plötzlich gibt es eine Search-Engine, die genauso gut, wenn nicht sogar besser ist als Yahoo!.

Viel Gutes und Nützliches ist auf dem Web, doch gibt es kein zentrales Verzeichnis dieser Angebote. Navigationshilfen sollen den Nutzer zu diesen Websites führen. Ohne diese Tools geht auf dem Web fast nichts. Deshalb sind sie so außerordentlich populär. Sie ziehen die meisten Besucher auf dem Web an, können die meisten Seitenabrufe vorweisen und haben die größte Reichweite in der Internet-Nutzerschaft. Das bedeutet gleichzeitig, dass sie die meisten Anzeigenumsätze erzielen. Die beliebteste Navigationshilfe und eine der Sites mit dem größten Anzeigenumsatz ist Yahoo!.

Navigationshilfen fallen in zwei Untergruppen: die Verzeichnisse und die Suchmaschinen. Verzeichnisse sind manuell zusammengestellte Kataloge von Websites, sie ähneln darin Bibliothekskatalogen. Das prominenteste Verzeichnis ist Yahoo! (deutsche Ausgabe: Yahoo! Deutschland, wichtigster deutscher Konkurrent bei den Verzeichnissen ist Web.de). Ihr Vorteil: Menschlicher Hirnschmalz sorgt dafür, daß der Nutzer das findet, was er sucht. Suchen Sie auf Yahoo! etwa nach der DaimlerChrysler-Website, präsentiert das Verzeichnis die Site brav an erster Stelle der Suchergebnisliste. Nachteil eines Verzeichnisses: Menschliche Arbeitskraft ist teuer, und deshalb kann Yahoo! schon lange nicht mehr mit der Flut neuer Websites schritthalten. Verzeichnisse listen zwar die meisten wesentlichen Websites, sind aber längst nicht vollständig.

Suchmaschinen sind dagegen Software-Automaten, die selbsttätig das Internet nach Websites durchsuchen und diese katalogisieren. Alle Worte, die auf einer Seite einer Website vorkommen, werden in einen Volltextindex aufgenommen. Sucht der Nutzer nun nach einem Begriff, listet eine Suchmaschine als Suchergebnis alle Seiten, auf denen dieses Wort vorkommt. Vorteil: Die Indices von Suchmaschinen sind vollständiger als die von Verzeichnissen. Nachteil: Ihre Suchergebnisse sind in aller Regel lausig. Suchen Sie einmal auf der grössten deutschen Searchengine, AltaVista, nach DaimlerChrysler. Sie erhalten fast 5000 Suchergebnisse. Die erste Erwähnung der DaimlerChrysler-Website finden Sie als Ergebnis Nr. 37 auf Seite 3 der Suchergebnisse -- und das ist nicht einmal die Titelseite der DaimlerChrysler-Site. Suchmaschinen sind vollständig(er), aber oft nicht wesentlich.

Doch das wird mit der Searchengine Google anders: Der Neuling funktioniert genau so wie andere Suchmaschinen, wendet aber beim Ordnen der Ergebnisse einen Kniff an: Wenn eine Website aufgenommen wird, prüft Google, wie viele andere Websites auf diese Seite linken. Google nimmt dies als Qualitätsaussage: Je mehr Sites auf diese Seite linken, desto mehr Webmaster und Redakteure haben diese Seite offenbar für gut befunden, und desto höher wird diese Seite in den Suchergebnissen eingeordnet.  

Die Qualität der Ergebnisse ist verblüffend. Testen Sie Google einige Zeit lang gegen Yahoo! oder Yahoo! Deutschland. Es lohnt sich! Googles Ergebnisse sind fast immer genauso gut wie Yahoos. Und für obskure Themen wie das Liebesleben der bengalischen Tigerameise (nur ein Scherz!) bietet Google obendrein ebenso hervorragende Ergebnisse – und bei diesen Themen muss Yahoo! passen. Yahoos begrenzter Mitarbeiterstamm ist schon damit ausgelastet, zu den wesentlichen Themen stets aktuelle Listen zu führen.

Damit bietet Google sowohl die Vollständigkeit der Searchengine als auch die Wesentlichkeit der Suchergebnisse von Yahoo! – und muß dafür nicht eine Armee von Online-Bibliothekaren beschäftigen.

Die Industrie hat schnell begriffen: Netscape wird ihre “Netscape Search by Excite” mit einer Google-basierten Suche ersetzen. Und im Juni hat Google die erste Runde Risikokapital in Höhe von 25 Million US-Dollar erhalten, in erster Linie von den renommierten Venture-Capital-Firmen Kleiner Perkins Caufield & Byers und Sequoia Capital. Obendrein waren sich die prominenten Venture-Kapitalisten Michael Moritz von Sequoia Capital und John Doerr von Kleiner Perkins Caufield & Byers nicht zu schade, als Aufsichtsräte dem Google-Board beizutreten.

Yahoo! und andere Verzeichnisse, aber auch Suchmaschinen, müssen sich auf den Google-Angriff einstellen. Langfristig können sie durch Google und ähnliche Suchmaschinen sowohl Reichweite als auch Anzeigenumsätze verlieren. Yahoo! muß noch schneller rennen als bisher, um weiter vom Verzeichnis aus in andere Bereiche zu diversifizieren.  

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Internet-Aktien: 
Es geht wieder aufwärts

Wir alle haben es monatelang mit ungläubigen Augen verfolgt: Der unerhörte Aktienboom bei Internet-Aktien. Die Kurse stiegen und stiegen, und schon lange hatten viele Firmenbewertungen, die sich aus den Aktienkursen ergaben, nichts mehr mit deren kaufmännischen Ergebnissen zu tun.

Und dann, Mitte April, passierte es: Der Crash der Internetaktien begann. Eine Verkaufswelle sorgte dafür, dass die Internetwerte von Mitte April bis Mitte Juni rund 25 Prozent ihres Werts verloren. Der Index der Nasdaq-Börse, an der die meisten Internetwerte gehandelt werden, verlor in dieser Zeit gut 20%, der Goldman-Sachs Internet Index über 20%, der Internet-Index der American Stock Exchange sogar 30%.

Alle sind erleichtert: Irgendwann musste die Blase ja mal platzen, und nun hat man es hinter sich. Nun scheint der Boden erreicht zu sein, es geht es wieder nach oben. Die Zinsängste sind beruhigt, die Inflation bleibt niedrig, die Konsumer-Zuversicht in den USA ist so hoch wie nie zuvor.

Hier die wichtigsten Internet-Unternehmen, die der Crash beeinflusst hat und die sich noch nicht wieder auf ihren Vor-Crash-Kurshöhen befinden. Vorausgesetzt, ihre Kursverluste sind keine dauerhafte Wertberichtigung durch den Markt, könnten diese Werte wieder das gleiche Niveau erreichen. Sie könnten sich dann als Anlageziele eignen:

Firma Industrie Kurs1 % unter Wert vor Crash
@Home/Excite Portal/ISP  55,50 -37%
Amazon E-Commerce  127,00 -36%
E-Trade E-Commerce  40,95 -34%
Doubleclick Advertising 100,00 -33%
Ebay E-Commerce 139,00 -31%
AOL E-Commerce 121,50 -24%
Realnetworks Technologie  93,50 -24%
EMC Technologie  58,202 -15%
Yahoo! Portal 182,00 -13%

1 06. Juli, Frankfurt/Main, in Euro.

2 Berlin.

Nota bene: Weder ich noch die Brightheads PR & Marketing Consulting GmbH haften, falls Sie aufgrund der o. a. Informationen Aktien kaufen oder verkaufen und dabei Geld verlieren sollten. Geld in Aktien anzulegen, ist risikoreich. Noch riskanter ist es, Geld in Internet-Aktien anzulegen. Sie müssen damit rechnen, Ihr gesamtes Investment in Internetaktien zu verlieren, falls der Markt erneut crashen sollte. Aktienanlage sollte langfristig betrieben werden.

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San Francisco, 6. Juli 1999

Ihr

       


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